Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 1 - 2003

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2003

Buchrezension

Dieter Krowatschek: Alles über ADS. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer
Walter Verlag. Düsseldorf und Zürich 2001. 174 S.

Und noch ein Ratgeber zum Thema ADS... Parallel zum steigenden Methylphenidat-Verbrauch in Deutschland erhöht sich auch die Anzahl der veröffentlichten Publikationen zu diesem Thema.
Trotzdem wird man neugierig, da dieser Ratgeber aus der Feder eines Praktikers, Schulpsychologen und Lehrers, der im schulpsychologischen Beratungsdienst in Marburg tätig ist, stammt. Der Autor ist in der Lage, eigene Grenzen und Schwächen einzuräumen. Er beschreibt verschiedene Verhaltensweisen, die für das ADS typisch sind und in der sozialen Umgebung der betroffenen Kinder Ängste, Ärger und Ablehnung auslösen können. In der Schule mögen viele Lehrer z.B. nicht mit diesen Kindern arbeiten. Positiv hervorgehoben muss der Hinweis des Autors, dass Ursachen und Hintergründe von Unterrichtskonflikten nicht allein in der Person eines "ADS-Kindes" zu sehen sind. Auch der gesellschaftliche Kontext und die Situation des Lehrers, der in der Regel im Umgang mit schwierigen Kindern schlecht vorbereitet und häufig überfordert ist, werden reflektiert. Solche Hinweise zeigen sowohl Eltern als auch Lehrern, dass sie mit ihren Insuffizienzgefühlen nicht allein dastehen, und machen daher Mut.

Im ersten Teil des Buches wird die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung samt ihrer Untertypen nach DSM-IV und ICD-10 erklärt. Das Erscheinungsbild von "ADS-Kindern" in verschiedenen Altersstufen wird ausführlich beschrieben. Anfänglich findet der Leser einige interessante Hinweise auf gewisse Eigenarten und Verhaltensweisen der ADS-Kinder, wie z.B. die unterschiedliche Verarbeitung sexueller Impulse. Mit fortschreitender Lektüre fällt jedoch auf, dass alle möglichen Auffälligkeiten angefangen beim Gebrauch von sexualiserten Ausdrücken bis zu rechtsgerichteter Ideologie, unter der ADS-Symptomatik subsumiert werden. Hier entsteht die Gefahr, dass der Begriff in seinem solchermaßen ubiquitären Gebrauch jeglichen Informationsgehalt einbüßt.

Von den insgesamt 170 Seiten sind ca. 50 Seiten an die Lehrer gerichtet. Ein großer Teil davon bezieht sich auf den Einsatz von Entspannungsverfahren. Eine Vielzahl dieser Techniken eignet sich zu einer tiefen Tranceinduktion, die im Schulalltag eher nicht angewandt werden sollte. Es fehlt dabei der entscheidende Hinweis, dass beim Einsatz dieser Methoden Situationen entstehen, die auch einen erfahrenen Pädagogen überfordern können. Die meisten vorgestellten Entspannungsübungen gehören eigentlich in die Hand eines erfahrenen Hypnotherapeuten. Es werden weitere bewährte praktische Aspekte der Unterrichtsgestaltung sowie pädagogische Interventionsmethoden dargestellt und diskutiert, wie z.B. die Arbeit mit Verstärkerplänen, Time-out, Sitzordnung, u.a..

Der Abschnitt "Hilfen für zu Hause" umfasst insgesamt vierzehn Seiten und fällt somit nicht nur bezüglich des Umfanges, sondern auch inhaltlich deutlich dünner aus. Die dort gegebenen Ratschläge werden jedoch durch die Bemerkung abgewertet, dass es 90% der betroffenen Eltern nicht gelingt, diese im Alltag anzuwenden. Die aus der Verhaltenstherapie stammenden Instrumente wie die Arbeit mit positiven und negativen Verstärkern, Time-out und Bestrafung werden nur oberflächlich gestreift und kommen im Hinblick auf die Anwendbarkeit im familiären Alltag eindeutig zu kurz.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Ratgeber sich mehr an Lehrer als an Eltern wendet. Als ergänzende Lektüre zum Thema ist das Buch streckenweise informativ und interessant. Als alleiniger Ratgeber für die oft verzweifelten Eltern und Kinder kann es jedoch kaum empfohlen werden.

Bodo Christian Pisarsky & Manfred Mickley, Berlin