Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 1 - 2002

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2002

Buchbesprechung

Feser, Herbert: Der menschliche Lebenszyklus - Entwicklung des Selbstkonzeptes und des Sozialverhaltens über elf Lebensabschnitte
Schwabenheim (Fachverlag Peter Sabo) 2000, 214 S., broschiert, DM 38,50

Mit diesem Kompendium einer angewandten Entwicklungspsychologie der Lebensspanne stellt der kleine, aber feine Verlag für Fachliteratur zu Gesundheitsförderung und Prävention eine interessante Ergänzung zu den klassischen Lehrbüchern dieses Genres vor.
Ziel dieses Buches ist es, in kompakter Weise psychologische Grunderkenntnisse zum gesamten menschlichen Lebenszyklus zu schildern, in Anwendung auf die Förderung seelischer und sozialer Gesundheit.

Dabei werden zentrale Fragen abgehandelt: Wie werden wir zu dem, was wir sind? Was bewirkt Hoffnung und Wachstum, das Scheitern? Auf welche Weise organisiert sich das menschliche Selbst in seinen Sozialbezügen nach einer Krise, wie schafft es Bedeutung und Lebenssinn?

Menschliche Entwicklung wird gedeutet sowohl als Effekt kontinuierlicher Wechselwirkung innerer Kräfte der Person (genetische Programme, Selbstgestaltung) wie auch als Folge ständiger Wechselwirkungen zwischen Person- und Umweltkräften (ökologische, kulturelle und gesellschaftliche Kräfte). Die Grundannahme dabei ist, dass insbesondere unsere Selbst- und Sozialentwicklung entweder Wachstum oder Beeinträchtigung unserer seelisch-sozialen Gesundheit entscheidend beeinflusst. Dies verlangt eine doppelte Betrachtung, sowohl der personalen wie der gesellschaftlich-sozialen Ressourcen.
Die Aktivierung beider Quellen wird grundsätzlich für die Gesundheitsförderung empfohlen, sie ist besonders notwendig, wenn das auszugleichen ist, was die Umgebung nicht bereitstellen konnte. Ressourcenaktivierung unterstützt die Bewältigung von Alltag, Stress sowie Lebenskrisen.

Dementsprechend sind die Kapitel zu den elf Lebensabschnitten in gleicher Weise gegliedert: Im 1. Unterkapitel wird ein Lebensabschnitt mit kompakten Fakten psychologisch charakterisiert und es werden insbesondere Erkenntnisse zur altersbezogenen Selbst- und Sozialentwicklung geschildert. Im 2. Unterkapitel findet der Leser bewährte Praxiskonzepte, Anregungen, Hinweise und Hilfen für Erziehung, Lehre, Beratung und Begleitung, Gesundheitsförderung, Psychodiagnostik und Psychotherapie. Bildsprachliche Beiträge, authentische Fall- und Praxisbeispiele mit Interpretationen sowie Zitate aus der Literatur verdeutlichen und belegen die Darstellungen.

Praktische Antworten werden begründet aus dem hier erstmals vorgelegten psychologischen Lebenslaufkonzept seelischer und sozialer Gesundheit der Person. Es wird in elf Lebensabschnitten entfaltet: Embryonal-, Fetalentwicklung und Geburt; Säugling und Kleinstkind; Kleinkind; Großkind; frühes Jugendalter; mittleres Jugendalter; spätes Jugendalter; frühes Erwachsenenalter, mittleres Erwachsenenalter; höheres Erwachsenenalter; Sterben und Tod. Diese Abschnitte bilden zusammen den modalen persönlichen Lebenszyklus. Der Autor bindet dabei die theoretischen Konzepte sehr unterschiedlicher Fachvertreter ein: der humanistischen Psychologen Charlotte Bühler und Carl Rogers, der Tiefenpsychologen Ludwig Pongratz, Viktor Frankl, Erik Erikson, der Pioniere der Denk- und Moralitätsforschung Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Robert Kegan, des Sozialpsychologen Kurt Lewin und des Verhaltenspsychologen Frederic Kanfer. Auch Daniel Stern als herausragender Vertreter der modernen Säuglingsforschung findet hier seinen Platz, nicht jedoch die aktuellen Erforscher der primären Triade, wie z.B. E. Fivaz-Depeursinge und D. Bürgin.

Darin besteht ein kleines Manko dieses ansonsten empfehlenswerten Buches, wie auch dem fehlenden Bezug auf die aktuellen systemisch-konstruktivistischen Denk- und Handlungsansätze, wie sie beispielsweise von Simon oder Kröger et al. dargestellt wurden.

Der Autor Herbert Feser, Dr. phil., Diplom-Psychologe, ist seit 1976 Professor für Angewandte Psychologie an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen. Seine langjährige Berufserfahrung in Beratung, Psychotherapie, Rehabilitation sowie Forschung und Entwicklung liefert den Horizont dieses Werkes.

Alexander Trost