Buchbesprechung: Internet für Psychologen

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2001

Internet für Psychologen

Internet für Psychologen

Bernad Batinic (Hrsg.)

Bereits die erste Auflage von 1997 bestach durch Aktualität, Umfang und Tiefgang. Die nun erschiene zweite Auflage hat noch einmal von 530 auf 665 Seiten zugelegt mit jetzt 22 Kapiteln von insgesamt 20 Autoren. Das Buch ist sowohl für Einsteiger geeignet als auch als Nachschlagewerk für Profis.

Nach kurzer Einführung zum Thema " Warum ist das Internet wichtig für die Psychologie?" von Harald G. Wallbott folgen auf über 120 Seiten technisch geprägte, weniger psychologisch fokussierte Übersichten hinsichtlich der Zugangswege zum Internet von Michael Bosnjak und Bernad Batinic, der Geschichte des Netzes von Jochen Musch, der Dienste im Internet von Oliver Schade und der Informationssuche im Internet von Armin Günther und André Hahn.

Danach zeigen André Hahn und Armin Günther auf rund 70 Seiten eine Bestandsaufnahme und Entwicklungstendenzen zu Psychologie im Internet auf, u. a. zu den Themen ‚Informationsquellen’, ‚psychologische Institute’, ‚Fachgesellschaften’, ‚Online-Publikationen’, ‚Literatursuche’, ‚Kommunikationsforen’ und ‚Verschiedenes’. Hier stellt sich die Frage, warum nicht zu Beginn, sondern erst im 6. von insgesamt 22 Kapiteln eine themenübergreifende Bestandsaufnahme angesiedelt wird. Im Abschnitt ‚Ausblick’ bleiben die Autoren in ihren Spekulationen sehr zurückhaltend und lassen weiterreichende Visionen vermissen.

Die nun folgenden Kapitel widmen sich auf durchschnittlich jeweils 20 bis 25 Seiten überwiegend psychologisch geprägten Themen: Heike Gerdes gibt eine Einführung zum strukturellen Aufbau von Hypertext-Dokumenten und reißt kurz Vor- und Nachteile im Vergleich zu konventionell linear aufgebauten Texten an. Peter Ohler und Gerhild Nieding erörtern Theorien der kognitiven Modellierung der Textverarbeitung und der Informationssuche im Internet. Erfahrungen mit dem Internet als Medium der Außendarstellung schildern Thomas Krüger, Ralf Ott und Joachim Funke. Über wissenschaftliches Publizieren im Internet schreiben Ralf Ott, Thomas Krüger und Joachim Funke. Sie stellen Vorteile und Probleme der Publikation im Internet gegenüber herkömmlichen Medien dar anhand von Peer-reviewed Online-Journals, Preprints und eigenständigen elektronischen Veröffentlichungen. Bernad Batinic und Michael Bosnjak erörtern Fragebogenuntersuchungen im Internet mittels Umfragen per E-Mail, in Newsgroups und im World Wide Web. Vor- und Nachteile des psychologischen Forschungsexperiments im Internet im Vergleich zum klassischen Laborexperiment, wie z. B. kostengünstige Durchführung an großen Stichproben, erläutert Ulf-Dietrich Reips. Nicola Döring referiert verschiedene Theorieansätze der computerunterstützten Kommunikation: Während der Tenor der Mehrzahl der Ansätze computerunterstützte Kommunikation defizitorientiert, etwa unter dem Aspekt der Kanalreduktion, betrachtet, plädiert Döring für eine ausgewogene, unvoreingenommene Sichtweise und die Würdigung der Stärken computerunterstützter Kommunikation.

Identitäten, Beziehungen und Gemeinschaften im Internet heißt das folgende Kapitel, in dem Döring die Veränderung bestehender Identitäten, die Entwicklung neuer Identitäten und die Rolle der Geschlechtsidentität diskutiert ebenso wie soziale Beziehungen im Internet. Offenbar ist das Internet für viele Menschen ein Kontaktforum. Die Frage, ob Kennenlernprozesse im Internet in charakteristischer Weise vom Kennenlernen im ‚wirklichen Leben’ abweicht, wird von Döring unter den Blickwinkeln der unterschiedlichen Kommunikationstheorien aus dem vorigen Kapitel beleuchtet. Bei diversen Kommunikationsanlässen kann es vorteilhaft und entspannend sein, wenn das äußere Erscheinungsbild ausgeblendet (nicht bekannt) ist. Als störend oder hinderlich kann dies wiederum bei anderen Gelegenheiten empfunden werden. Individuelle Präferenzen wie Anlässe spielen hier eine Rolle: Während manche beim Chatten den Aspekt der Imagination genießen, bevorzugen es andere, im Sinne sozialer Informationsverarbeitung, möglichst schnell detaillierte Selbstbeschreibungen und digitale Fotos auszutauschen, damit das Aussehen des Gegenübers nicht länger ein Geheimnis bleibt.

Nach dem Kennenlernen im Internet kann der Kontakt bald wieder abbrechen oder in lockerer, unverbindlicher Form aufrecht erhalten werden, etwa indem man hin und wieder chattet oder E-Mails austauscht. Solche schwachen Bindungen sind laut Döring keineswegs als defizitäre Bindungsformen aufzufassen. Eine Defizitsituation entstehe nur, wenn enge Bindungen fehlen und schwache Bindungen zur Kompensation herangezogen werden. Die Stärke der schwachen Bindungen liege u. a. darin, daß sie mit Menschen außerhalb des engen persönlichen Umfelds in Kontakt bringen und zudem bei kritischen Lebensereignissen oder Statusveränderungen neue Informationen, Orientierungen und Rollenangebote liefern, die im sozialen Netzwerk der engen Beziehungen mit ihren eingefahrenen Rollenmustern und Normen nicht vorhanden sind. Man kann vermuten, daß die verringerten Kontaktschwellen im Internet sowie die leichte Erreichbarkeit unterschiedlichster Personengruppen den Aufbau und die Pflege schwacher Bindungen begünstigen. Zudem wird oft berichtet, da sich nach dem Kennenlernen im Internet enge Bindungen (Freundschaften, romantische Beziehungen) entwickeln.

Im darauf folgenden Kapitel berichten Wolfgang Scholl und Jan Pelz über ausgewählte Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung bei deutschen WissenschaftlerInnen zur computervermittelten Kommunikation.

Es folgt ein Kapitel zum Thema ‚Lernen und Lehren im Internet’ von Döring. Sie nennt drei Gründe für den Einsatz von Computernetzen im Bildungswesen: 1. In einer vernetzten Informations-, Kommunikations- und Mediengesellschaft gewinnt Netzkompetenz den Status einer Basisqualifikation bzw. Kulturtechnik (Frage des Curriculums); 2. Computernetze beeinflussen als Sozialisationsinstanzen die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: Sie konfrontieren mit ungewohnten interpersonalen Situationen, verlangen einen veränderten Umgang mit Informationen und ein neues Aushandeln sozialer Regeln (Frage der Medienpädagogik); 3. Computernetze reihen sich in das Spektrum der Lehr-, Lern- und Unterrichtsmedien ein, sie bieten durch ihre Informations-, Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten die Chance, Lehr-Lern-Prozesse interessanter und effektiver zu gestalten (Frage der Mediendidaktik). Diskutiert werden explizites und implizites Selbstlernen sowie das Internet im frontalen und im gruppenzentrierten Präsenzunterricht, Fernkurse und kooperatives Fernlernen.

Horst Heidbrink stellt die didaktische Struktur, den Ablauf und die Besonderheiten eines virtuellen Methodenseminars an einer Fern-Universität dar.

Selbsthilfe, Beratung und Therapie im Internet von Nicola Döring umfassen 40 Seiten, davon 7 Seiten über Psychotherapie. Döring unterteilt in Informationsmaterialien (Informationen für PsychotherapeutInnen, Informationen für PatientInnen und Selbsthilfe-Materialien) und Kommunikationsszenarien (Selbsthilfegruppen, Beratung und Therapie). Als Beispiele für Informationen für PsychotherapeutInnen werden lediglich das von der psychoanalytischen Gesellschaft New York verwaltete Informationssystem über Sigmund Freud (FreudNet: http://plaza.interport.net/nypsan/) und ICD-10 (http://www.informatik.fh-luebeck.de/icd/) genannt. Bezüglich Informationen für Patienten meint Döring: "Psychotherapeutische Hilfe zu suchen und zu erhalten wird viel zu oft noch als eine Art Makel empfunden. Deswegen sind alle Angebote zu begrüßen, die Schwellenängste mindern und es Ratsuchenden erleichtern, ohne Scheu zur aktiven Informationssuche überzugehen" und "Für Ratsuchende, die einer psychotherapeutischen Behandlung mit Skepsis und diffusen Befürchtungen entgegensehen, kann es durchaus hilfreich sein, zunächst einmal die ‚virtuelle’ Praxis zu betreten und so einen medienvermittelten Vorkontakt zu erleben". Sie schreibt aber auch: "Patientinnen und Patienten können im Netz nicht nur auf vorbereitete Informationsangebote zugreifen, sondern selbst Informationen publizieren und sich (...) gegenseitig über die verschiedenen Dienstleistungen im Gesundheitswesen beraten. Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung auf mehr Selbstbestimmung und Transparenz im Therapiesektor". Als Zielgruppen für Netz-Beratung bzw. Netz-Therapie sieht sie: 1. Internet-Nutzer, die sich herkömmliche Beratung/Therapie finanziell nicht leisten können. 2. Internet-Nutzer, die in einer beraterischen/therapeutischen Beziehung zunächst ein gewisses Maß an Distanz behalten wollen. 3. Internet-Nutzer, die in Regionen mit schlechter psychosozialer Infrastruktur leben und lokal keine Berater/Therapeuten erreichen können. 4. Internet-Nutzer mit körperlichen Behinderungen, die herkömmliche Beratung oder Therapie nicht in Anspruch nehmen können (z. B. an das Haus Gebundene, Taubstumme, Schwerhörige). 5. Internet-Nutzer, die eine Beratung/Therapie außerhalb des Netzes ins Auge gefaßt haben, aber zunächst unverbindlich Kontakt aufnehmen wollen."

Im Kapitel "Psychologische Beratung im Internet - ein Erfahrungsbericht" berichtet Frank Christl von seinen Erfahrungen im Rahmen eines um Internetberatung erweiterten Angebotes der Telefonseelsorge. Das Internet ermöglicht ein Angebot auch für bisher nicht erreichte Personengruppen, z. B. Gehörlose und Schwerhörige. Die Erfahrung zeigt, daß diese Form der Kommunikation und psychologischen Beratung deutlich anderen Bedingungen und Strukturen unterliegt als klassische Beratungsangebote: Der gesamte Kontakt zwischen Berater und Ratsuchenden kann ausgedruckt und irgendwo vorgelegt werden, dies hat deutlichen Einfluß auf die Unbefangenheit der eigenen Formulierungen, gerade auch der des Beraters, weil sich gegenüber dem Träger oder auch juristisch (Kunstfehler, Schadenersatzansprüche) andere Verbindlichkeiten ergeben. Das Fehlen analoger Informationen beinhaltet Implikationen, die beachtet werden müssen: Gefühle, ja die gesamte emotionale Lage und deren Entwicklung sind nur schwer mitzuerleben. Man kann viel ‚zwischen den Zeilen lesen’, aber es ist dennoch notwendig, viel mehr als bei jeder anderen Art der Kommunikation, die Gefühle in Worte zu kleiden, um sie so nicht nur ausdrücklich zu machen, sondern um sie überhaupt erst zu vermitteln. Zum einen besteht eine große Quelle von Mißverständnissen, zum anderen erfordert es ein großes Maß an Konzentration und Konfliktfähigkeit beim Berater. Man muss ständig am Ball bleiben, alles zweifelhafte nachfragen, jede Lücke des Zusammenhangs beachten und explorieren, um nicht die eigenen Phantasien in falsche Richtungen laufen zu lassen und für das eigentliche zu halten. Darüber hinaus wird im Laufe des Dialogs von Ratsuchenden zunehmend häufiger versucht, sich auch analoge Informationen zu verschaffen, in dem man Bilder von sich verschickt oder die des Beraters anfordert, indem man auf Musiktitel verweist, die die eigene Stimmung am passendsten zum Ausdruck bringen oder ähnliches. Positiv wie auch problematisch erwies sich der Sachverhalt, daß diese Form der Kommunikation offenbar einige Hemmschwellen deutlich herabsetzt: Förderlich ist z.B. der Faktor, daß hochbrisante und peinliche Themen sehr schnell angesprochen werden, in dem die Distanz zum Dialogpartner sowie das Fehlen analoger Signale ein gewisses Gefühl der Unverletzbarkeit zur Folge haben. Problematisch daran ist die beiderseitige Verlockung, einen recht saloppen Umgangston einreißen zu lassen. Die Ratsuchenden sind in ihrer Wortwahl nicht so wählerisch wie in solch offiziellen Situationen sonst üblich, was bis hin zu deutlich kränkenden und beleidigenden Bemerkungen reicht, die es zugegebenermaßen auch in anderen Beratungsbereichen gibt, die im Internet aber häufiger und auch heftiger erscheinen. Allerdings muss man auch hierbei die fehlenden analogen Signale berücksichtigen, weil man oftmals sehr unsicher darüber ist, welche affektive Färbung eine Äußerung nun hatte bzw. haben sollte. Aber auch die Berater befleißigen sich vergleichsweise oft eines flapsigen Tons, der sicherlich ein Widerhall auf den Umgangston im Netz darstellt, der aber auch durch die eigene herabgesetzte Hemmschwelle hervorgerufen wird. Hier muss man sich selbst genau beobachten, was auch die große Bedeutung einer Supervision für Berater in diesem Medium deutlich macht.

Bernhard Vornefeld erörtert im folgenden Kapitel Berufschancen für internetkundige Psychologen.

Es folgen noch einmal ca. 70 überwiegend technisch geprägte Seiten zur Strukturierung von WWW-Servern, Aufbereitung multimedialer Objekte, Programmiersprachen wie HTML und XML, usw. von Oliver Schade, mit Tips zum Erstellen von Internet-Dokumenten von Ulf-Dietrich Reips sowie mit einem Glossar häufig im Internet benutzter Begriffe.

Es fehlt ein Stichwortverzeichnis, Psychotherapie/klinische Psychologie kommt aus klinischer Sicht recht kurz, Kapitel zu Entwicklungspsychologie, Kinderpsychologie sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie fehlen ganz. Wünschenswert wäre eine Website mit sämtlichen im Buch angeführten (und ggfs. aktualisierten) Internetadressen, um sich das mühsame Eintippen zu ersparen.

Unter http://www.hogrefe.de/buch/online/netpsycho/ können ausgewählte Kapitel kostenlos probegelesen werden. Zusätzlich wurde zum Zwecke der Kommunikation mit den Autoren und anderen Lesern bereits für die erste Auflage unter http://www.hogrefe.de/buch/online/netpsycho/wwwboard/index.html ein Diskussionsforum eingerichtet. Leider sind dort jedoch seit Februar 1998 offenbar keine neuen Beiträge eingegangen: für das Internet eine Ewigkeit.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr lesenswertes, umfassendes, kompetentes und aktuelles Werk.

Dr. Ingo Spitczok von Brisinski

Batinic, Bernad (Hrsg.): Internet für Psychologen. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2000, Hogrefe: Göttingen – Bern – Toronto – Seattle, ISBN 3-8017-1226-5, Preis: 79,- DM