Buchbesprechungen Gerhard Bosch

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2000

Buchbesprechungen

Auch Sonne zwischen Ungewittern - Erinnerungen Band I
Neue Wege zum Humanen - Erinnerungen Band II

Gerhard Bosch

Der im Jahre 1918 in Ludwigshafen geborene Gerhard Bosch nimmt uns auf einen Panoramaweg mit, von dem aus er auf die vielfältigen Stationen seines reichen Lebens weist, eingebettet in die Landschaften des zwanzigsten Jahrhunderts. Er zeigt sie dem Leser nicht nur, er veranschaulicht sie, indem er sie ausmalt, anekdotisch ausschmückt, sie uns miterleben und mitspüren läßt.

Bosch’s Erinnerungen - vor allem die aus Kindheit und Jugend - haben eine ausgeprägt bildhafte Qualität. Oft sind sie zudem angereichert mit Erinnerungsspuren des Tastens, Schmeckens und Riechens. Seine von ihm selbst erwähnte eidetische Veranlagung hat es ihm sicherlich erleichtert, den eigenen Erinnerungsfluß zu beleben, zu verdichten und so eine Art Erinnerungskunst zu entwickeln. Er erklärt aus dieser eidetischen Gabe auch die ihm eigene Art und Weise der Einfühlung: "Ich nahm gern beim Diktat meiner Krankenberichte Haltung und Mimik des Kranken ein und fühlte dadurch eine größere Nähe zu ihm".

Dem anthropologisch geschulten Psychiater Bosch, der sich schließlich doch für die Kinder- und Jugendpsychiatrie entschied, dienen die eigenen Erinnerungen zu manchem psychologisch-pädagogischen, psychodynamisch-psychiatrischen wie auch philosophischen Exkurs. Namhafte Vertreter der Fachwelt haben ihren Auftritt in zahlreichen Anekdoten lebendig und humorvoll nachgezeichnet.

Die zeitgeschichtliche und politische Dimension erlebt der Leser ganz unmittelbar, wenn Gerhard Bosch seine Kriegs- und Lazaretterfahrungen als junger Mediziner, seine Eindrücke vom zerbombten Köln wie auch die Mühseligkeiten und zugleich die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit schildert. Besonders im zweiten Band der Erinnerungen wird deutlich: der Autor mag nicht nur erzählen, er betrachtet, erwägt, reflektiert, theoretisiert, bilanziert und unterrichtet auch.

Spezielle Kapitel sind Abrissen zur Fach-, Kultur- und Zeitgeschichte gewidmet. So erfahren wir beispielsweise aus der Sicht eines Mitdenkenden und Mitbetroffenen vom Spannungsfeld zwischen der eher neurobiologisch-erklärenden Psychiatrie und der anthropologisch-daseinsanalytisch orientierten Richtung in den Nachkriegsjahrzehnten. Für Kinder- und Jugendpsychiater mögen vor allem die Berichte aus der Frühzeit unseres Fachgebietes sowie die Informationen über Bosch’s Mitwirken bei der Psychiatrie-Enquête wie auch bei der "Lebenshilfe für Geistigbehinderte" aufschlußreich sein. Schließlich schildert Gerhard Bosch im letzten Teil seines Werkes den Aufbau der Viersener Kinder- und Jugendpsychiatrie unter teils widrigen, teils förderlichen Bedingungen. Hier treffen sich nun die Wege des Autors und der Rezensentin, die es sich erlaubt, die folgenden Schlußbetrachtungen auch im Namen weiterer ehemaliger Süchtelner Weggefährten anzustellen:

Gerhard Bosch wird uns in seinen kaleidoskopartigen Lebenserinnerungen wieder präsent mit seiner Liebe zum Plaudern und seinem Hang zum Reflektieren. Der vorgelegte, weit gespannte Rückblick auf die Zeit von 1918 bis 1980 weist ihn aus als einen - noch universalgebildeten und das heißt eben auch universal interessierten Menschen. Für ihn gibt es keine abgezirkelten Grenzen zwischen Wissensbereichen und Fachgebieten, zwischen Privatem und Professionellem.

Zum Abschied aus Viersen bekam Gerhard Bosch von Kindern der Klinik zwei Gingkobäumchen geschenkt, die im Garten des neuen Heims an der Nahe eingepflanzt wurden. "Im Zeichen des Gingko biloba" (so Bosch’s Überschrift Zum 2. Buch, Band II) gedenkt er abschließend des langen Ehe- und Berufsweges mit seiner Frau Gertrud, die vielen von uns als eine liebenswerte Kollegin und stützende Ehefrau in Erinnerung ist.

Dr. Helga Färber

Bosch, Gerhard: Erinnerungen - Frankfurt am Main, Haag und Herchen (edition Deutscher Schriftstellerärzte/Buchreihe "Zeitzeugen berichten)

Bd. 1: Auch Sonne zwischen Ungewittern : Wege und Bilder einer Entwicklung von Krieg zu Krieg - 1998, ISBN 3-86137-628-8, Preis 48,- DM

Bd. 2: Neue Wege zum Humanen : Leben und Wirken in der Psychiatrie der Nachkriegszeit 1946 bis 1980 1998, ISBN 3-86137-678-4, Preis: 58,- DM