BAG Leitbild

Leitbild – Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
und seelische Gesundheit

Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und Psychotherapie e.V.

Das medizinische Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie leistet einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der Entfaltung bei jungen Menschen, die von seelischer Krankheit betroffen und von seelischer Behinderung bedroht sind. Das Aufgabengebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie umfasst die Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von psychischen, psychosomatischen und neurologischen Krankheiten bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden.

1.

Seelische Krankheit greift tiefgehend in das Leben des jungen Menschen und seiner Familie ein. Sie wirkt sich nicht nur in Form von subjektivem und das Umfeld des Kindes einbeziehendem Leiden aus, sondern sie bedroht auch den erfolgreichen Erziehungs- und Entwicklungsprozess. Kinder- und jugend-psychiatrische Behandlung zielt daher über die Behandlung von Krankheitssymptomen hinaus darauf ab, dem jungen Menschen Erziehung und Bildung sicherzustellen oder wieder zu ermöglichen.

2.

Die Krankheitsbilder umfassen u. a.

  • Psychische Erkrankungen als Folge organischer und hirnfunktioneller Störungen.
  • Psychosen und wahnhafte Störungen.
  • Depressive Erkrankungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Stereotypien.
  • Psychische Störungen infolge schwerer seelischer Belastungen/Verletzungen, Anpassungsstörungen.
  • Dissoziative Störungen, Konversionsstörungen, psychosomatische Störungen
    (z. B. Essstörungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen).
  • Gedeihstörungen, frühkindliche Entwicklungsstörungen.
  • Störungen der Persönlichkeitsentwicklung.
  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen, Autismus.
  • Störungen des Sozialverhaltens mit emotionalen Störungen, hyperkinetische Störungen.
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache,
    der motorischen Funktionen, Störungen schulischer Fertigkeiten wie Lese-
    und Rechtschreibstörung, Rechenstörung.
  • Störungen der Intelligenzentwicklung und Störung der psychosozialen Integration.
  • Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen durch Suchtmittelmissbrauch.
  • Epilepsien und andere neurologische Erkrankungen.
Nach internationalen Studien ist von einer Erkrankungshäufigkeit psychischer Erkrankungen von bis zu 20 % aller Kinder und Jugendliche auszugehen, wobei bei etwa 6 % dringende Behandlungsnotwendigkeit besteht.

Die Zuweisung zu Fachärzten/Fachärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie erfolgt oft durch Haus- und Kinderärzte, an die sich Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen oder auch die jungen Menschen selbst wenden.

3.

Für eine erfolgreiche Behandlung setzt die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie auf die sorgfältige Diagnostik der verfügbaren Ressourcen sowie der organischen, seelischen und/oder sozialen Belastungsfaktoren, die als Ursachen eines auffälligen oder nicht regelrechten Verhaltens, von Störungen des Empfindens oder der Leistungsfähigkeit verstanden werden können. Im Einzelfall stellt bereits die Einordnung der beobachteten Auffälligkeiten in einen nachvollziehbaren psychosozialen Bedingungszusammenhang die ausreichende Hilfestellung dar. Beispielsweise durch Aufdeckung nicht erkannter Leistungsgrenzen, wie sie bei Teilleistungsstörungen vorkommen, können drohende Überforderung und daraus resultierende seelische Erkrankungen vermieden werden.

4.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie basiert auf der Betonung der Individualität des Kindes in seinem Lebensumfeld. Sie geht davon aus, dass sich die menschliche Persönlichkeit im Zusammenwirken von organischen und seelischen Faktoren im Austausch mit der Lebensumwelt entwickelt.

Übereinstimmend wird heute angenommen, dass das Ineinandergreifen von Anlage und Umwelt die Grundlage der Entwicklungsvorgänge darstellt. Das Kind formt seine Persönlichkeit und seine Fähigkeiten dadurch, dass es ihm verfügbare, in ihm angelegte und schrittweise erworbene, Reaktions- und Verhaltensmuster auf immer neue Situationen und Erfahrungen anwendet. Es wurde nachgewiesen, dass es zu tief greifenden psychischen Störungen und Entwicklungsbehinderungen bereits im frühen Kindesalter kommen kann, wenn Erziehung und Unterstützung nicht ausreichend auf die tatsächlichen kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten und Bedürfnisse eines Kindes ausgerichtet werden. Damit wird weder behauptet, dass die frühe Kindheit über die spätere Entwicklung definitiv entscheidet, noch dass bestimmte Erfahrungen und seelische Verletzungen nicht mehr revidierbare Folgen hätten. Sicher ist, dass Kinder in sehr unterschiedlicher Weise dazu im Stande sind, Belastungen, Trennungen, Verluste und Kränkungen psychisch unversehrt zu überstehen. Es ist davon auszugehen, dass vor allem langfristig sich wiederholende Belastungen und psychische Verletzungen zu schwerster Psychotraumatisierung führen können.

5.

Es existiert heute die von fachlichem Konsens getragene Überzeugung, dass psychische Krankheit nur unter Beachtung der Wechselwirkung von somatischen, psychisch-biographischen und sozialen Dimensionen verstanden und effektiv behandelt werden kann. Die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung umfasst alle Formen der Psychotherapie, der Pharmakotherapie, eine intensive Familienarbeit, heilpädagogische Einzel- und Gruppenbehand-lung, Maßnahmen zur Unterstützung der schulischen und beruflichen Bildung sowie gezielte Förderprogramme, die in Kooperation von Ärzten, Psychologen, Erziehern, Pflegekräften, Ergotherapeuten, Bewegungstherapeuten, Sprachheiltherapeuten und Sozialarbeitern/Sozialpädagogen erbracht werden.

6.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie erbringt ihre Leistungen vorwiegend ambulant. Hierzu stehen in Deutschland derzeit mehr als 500 in eigener Praxis niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte zur Verfügung. Mit rund 6000 teilstationären und vollstationären Behandlungsplätzen sowie Institutsambulanzen in über 130 Kliniken hat sich das Fachgebiet dem Ziel eines flächendeckenden Versorgungsangebotes für die betroffenen jungen Menschen angenähert.

7.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie setzt auf die Stärkung der Kommunikation innerhalb der Familie, die bei der seelischen Erkrankung eines Kindes in der Regel mitbetroffen wird. Wenn eine emotionale oder soziale Fehlentwicklung die Integration des Kindes bedroht, müssen auch die Belastungen der anderen Mitglieder der Familie beachtet und notwendige Unterstützung angeboten werden.

Wird eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung erforderlich, ist diese mit dem Kind oder dem Jugendlichen und dem Sorgeberechtigten zu besprechen und abzustimmen.

Die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung versteht sich auch als Hilfe zur Selbsthilfe. Die starke familientherapeutische Ausrichtung des Faches bringt das Behandlungsziel zum Ausdruck, Eltern und ihre Kinder bei der Entwicklung eigenständiger Problemlösungen zu unterstützen und zu begleiten. Die Dienste der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie werden bisweilen mit gravierenden psychosozialen Verlusten und seelischen Traumatisierungen von jungen Menschen konfrontiert. Trotz eines verbesserten psychosozialen Hilfeangebotes ergeben sich immer wieder sehr komplexe Problemsituationen, die nur durch fachlich verantwortliche Kooperation lösbar sind. Das Fachgebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sieht sich dazu in der Pflicht, in wechselseitiger fachlicher Achtung mit den Institutionen der Jugendhilfe, der Schulen, der Sozialhilfe, der Arbeitsverwaltung und der Justiz eine allein dem Kindeswohl verantwortliche gemeinsame Hilfeplanung und Behandlung sicherzustellen.

8.

Alle Maßnahmen des Fachgebietes der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zielen darauf ab, die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes zu einem sicheren Selbstwerterleben zu unterstützen. In der klinischen Behandlung steht die Bereitschaft zur Übernahme verlässlicher Beziehungsbildung im Vordergrund. Dies kommt z. B. in einer entsprechenden Gestaltung des Lebensraumes für Kinder und Jugendliche zum Ausdruck, die sich in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik aufhalten. Die mittlere Behandlungsdauer in einer solchen Einrichtung beträgt heute bundesweit 55 bis 60 Tage. Oft müssen der stationären Behandlungsmaßnahme weitere ambulante Hilfen folgen.

9.

Die Würde des Kindes und die Achtung seiner Ansprüche auf Anerkennung und Akzeptanz stehen im Mittelpunkt aller Behandlungskonzepte. Wenn in Abstimmung mit den Sorgeberechtigten Maßnahmen gegen die Freiwilligkeit eines Kindes aus fachlicher Sicht unabdingbar erscheinen, was selten der Fall ist, ist dies nur unter gerichtlicher Abklärung und Genehmigung bzw. Anordnung möglich und zulässig.

Die drei Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie haben ein gemeinsames Ethik-Komitee sowie ein Ombudsleutegremium eingerichtet, das regelmäßig zusammentritt und sowohl für Anliegen der Therapeuten als auch der Patienten und deren Eltern/ Sorgeberechtigten ansprechbar ist.

10.

Auch für die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie gilt: Die Vermeidung von Krankheit und Störung ist die beste Hilfe. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie ist um so wirksamer, je früher sie ihr multiprofessionelles Behandlungskonzept anwenden kann. Sie ist vorwiegend präventiv im Sinne der sekundären und tertiären Prävention wirksam (Linderung von Krankheit und Behinderung, Vermeidung weiterer Krankheitsfolgen).

11.

Das Bemühen um ständige Verbesserung von Behandlungsabläufen bestimmt das Qualitätsbewusstsein aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie stellt einen hohen Anspruch an die Qualitätslenkung. Der fachliche Austausch aller am Behandlungsplan beteiligter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist die Voraussetzung dafür, dass die differenzierten Erkenntnisse der Beteiligten, meist mehrerer Berufsgruppen, in Diagnostik und Therapie in ein gemeinsam verantwortetes Behandlungskonzept eingebracht und zum größtmöglichen Nutzen für das auf Behandlung angewiesene Kind umgesetzt werden können.

12.

Die Ärzte/Ärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sind Ärzte/Ärztinnen für Kinder in Krisen, die der komplexen Hilfestellung bedürfen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der ärztlichen Fachdisziplin verfügen über besondere Fähigkeiten zur Diagnostik, Organisation und Koordination komplexer Behandlungsmaßnahmen und zur oft langfristigen Begleitung betroffener Kinder und ihrer Familien. Ihre umfassende Ausbildung stellt sicher, dass sie dazu in der Lage sind, dem komplexen Hilfebedarf gerecht zu werden, auf den Kinder angewiesen sind, die aufgrund von Krankheit, Behinderung oder psychosozialer Belastung von Lebenskrisen betroffen sind.

Das Leitbild wurde in einer Arbeitsgruppe der Bundesarbeitsgemeinschaft der leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V.

(Teilnehmer: Dr. S. Drömann, Dr. D. Felbel, Dr. J. Junglas, Dr. J. Jungmann,
Dr. W. Rotthaus, Dr. B. Roy-Feiler) entwickelt.)